Virus Bakterien
Gesundheit

Der tobende Krieg in uns

Bakterien sind schlecht. Wir müssen sie mit allen Mitteln bekämpfen und dazu schauen, dass sie nicht in unseren Körper dringen.

Dies ist die gängige Meinung und sie ist verständlich, angesichts dessen was Bakterien in uns Menschen alles Böses anrichten können, von Lungenentzündungen bis hin zur Pest. Diese Sicht ist, leider, nur die halbe Wahrheit. Leider deshalb, weil uns diese eingeschränkte Sicht der Dinge über die letzten hundert Jahre einige Probleme gebracht hat.

Die Bakterien und wir Menschen. Wir leben in einer weit komplexeren Beziehung als die der guten Menschen und der bösen Erreger, die uns krankmachen wollen. In und auf einem erwachsenen Menschen leben kiloweise Bakterien, Tag und Nacht. Sie haben unseren Körper als ihr permanentes Daheim ausgesucht. Viele dieser Bakterien sind nützlich, ja sogar lebenswichtig für das Funktionieren unseres Körpers, sie haben über die Jahrtausende wichtige Funktionen in unserem Körper übernommen, welche wir selber verlernt haben. Gewisse Bakterien leisten beispielsweise einen wesentlichen Beitrag für das Funktionieren unseres Immunsystems. Die einen Bakterien können physisch Erreger verdrängen, sie agieren somit als Türsteher für unsere Gesundheit. Dies geschieht zum Beispiel auf der Haut oder im Darm, wo sie sich auf der Darmschleimhaut breitmachen, damit Erreger nicht durch den Darm in das Blut gelangen können. So ein bisschen wie bei einem Schlussverkauf, wo sich alle Leute zu den Wühltischen durchzuboxen versuchen. Andere Bakterien wiederum können ihre eigenen antimikrobiellen oder antibiotischen Stoffe produzieren und so Erreger abtöten. In unserem Körper wird mit grossen Gift-Geschützen auf einander geschossen! Dies geschieht tagtäglich auf unserer Haut, in unserem Darm und an anderen Orten im Körper; die nützlichen Bakterien sind wie eine mächtige Armee, die Tag und Nacht auf Ausschau nach Erregern ist.

Die vielen kleinen aber mächtigen Helfer im Darm

80% des Immunsystems sitzt im Darm in Form von Immungewebe. Die Darmbakterien (etwa 1.5kg davon leben in unserem Darm) arbeiten eng mit unseren Immunzellen des Darms zusammen. Die zwei Einheiten sind starke Nachbarn. Gewisse Bakterien sind Lehrer in der Immunabwehrschule: sie trainieren die menschlichen Immunzellen damit diese Erreger erkennen lernen. Andere Bakterien agieren als Manager des Immunsystems: finden diese Bakterien Erreger im Darm, geben sie den weissen Blutkörperchen den Auftrag gegen die Erreger auszurücken und sie zu töten. Dies geschieht zum Beispiel indem die weissen Blutkörperchen schlechte Bakterien aufessen. Nicht alle schlechten Bakterien werden vom Immunsystem eliminiert; die nützlichen Bakterien halten auch viele Bakterien in Schach, die wir Menschen als Schädlinge sehen. So ist es ganz normal dass auch Erreger wie E.Coli in unserem Darm leben. E. Coli tut uns nichts solange dieses Bakterium nicht in Überzahl ist und sich nicht vom Dickdarm wegbewegt, etwa zurück in den Dünndarm, oder via WC Besuch und ungewaschenen Händen in unseren Mund.

Messieurs, c’est les microbes qui auront le dernier mot
E. Coli resistent
E. Coli wird resistent (Harvard)

Louis Pasteur, der Entdecker der Bakterien, Viren und Pilze und Vater der Keimtheorie, sagte im 19. Jahurhundert: ‚Meine Herren, es sind die Mikroben, welche das letzte Wort haben werden.‘ Wie Recht er hatte! Die Mikroben (Bakterien, Viren, Pilze und andere) leben seit Milliarden von Jahren auf der Erde, viel viel länger als wir Menschen. Sie mögen winzig sein – wir können sie mit blossem Auge nicht sehen – doch sie sind weit mächtiger als wir Menschen. Bis zum 2. Weltkrieg gab es keine Antibiotika; die Leute erlagen oft ihren bakteriellen Infekten, auch eine kleine Schnittwunde konnte so zum Tod führen. Als das erste Antibiotika, Penizillin, erfunden wurde dachte man, dass wir den Krieg gegen die Bakterien nun endlich gewonnen hatten. Doch wie Louis Pasteur voraussagte haben die Bakterien immer das letzte Wort. Bakterien können relativ schnell und einfach mutieren; wird ein Gift wie Penizillin gegen sie eingesetzt, mutieren sie einfach zu einer neuen Form welche das Gift gut verträgt. Dies geht so vor sich, dass zwar die meisten Bakterien am Gift sterben aber einige besonders starke überleben und mutieren. Genau dies geschieht auch wenn wir  antibakterielle Seifen und Reinigungsmittel verwenden: die schwachen Bakterien werden zwar abgetötet, aber wir tragen ein schönes Stück dazu bei damit die überlebenden Bakterien mutieren und unser Gift vertragen lernen. Dies nennt man Resistenz. Diese schnelle Resistenz-Entwicklung wurde in einem Experiment an der Harvard Universität eindrücklich gezeigt. Das Bakterium E. Coli wurde verschiedenen Stärken von Antibiotika ausgesetzt, in jedem Schritt eine stärkere Dosis Antibiotika. In nur 11 Tagen mutierten die überlebenden E. Coli Bakterien so stark, dass sie in einer Lösung mit einem 1000-fach starken Antibiotika komfortabel leben und sich vermehren konnten (Experiment hier schauen). Das Bakterium hatte wiederum das letzte Wort.

Die menschengemachte Antibiotikaresistenz-Krise
LouisPasteur
Louis Pasteur

Durch den unverantworungsvollen Umgang mit Antibiotika bei Mensch und Tier hat die Antibiotika-Resistenz in den vergangenen Jahren eine beängstigende Grösse angenommen. Immer mehr Menschen sterben an bakteriellen Infektionen gegen die kein Antibiotikum mehr hilft. Diese Bakterien sind sogenannte Superbugs (Superkeime). So kann ein kleinster Eingriff in einem Spital heutzutage wieder tödlich enden. Zum unverantwortungsvollen Umgang mit Antibiotika gehören: Einnahme von Antibiotika bei Erkältungen oder anderen Erkrankungen wenn es sich um einen Virus statt Bakterien handelt und generell eine zu schnelle Anwendung von Antibiotika beim Menschen. Aber es gibt noch andere Quellen. Rund 80% des weltweiten Antibiotikaverbrauchs geschieht in der Viehwirtschaft. Die beim Vieh sich entwickelnden restistenten Bakterien können auf uns Menschen übergehen, und so sind auch wir nicht mehr geschützt vor diesen Erregern. Das Problem ist wohlbekannt, und trotzdem ist der weltweite Antibiotikaverbrauch zwischen 2000 und 2015 um 65% angestiegen (1). Während intensiv an Krebs- und anderen Medikamenten geforscht wird, sind neue Antibiotika für die Pharmaindustrie aufgrund der hohen Kosten, langer Entwicklungsdauer von bis zu 20 Jahren und kurzer Einsatzdauer aufgrund der Resistenzen wenig attraktiv. Und dennoch brauchen wir diese Forschung dringend, da wir ohne neue Antibiotika riskieren, dass wieder 40% der Bevölkerung an bakteriellen Infektionen sterben werden in Zukunft, wie früher zu Zeiten der Pest.

Wir alle können mithelfen

Die Entwicklung von neuen Medikamenten und die Reduktion vom Antibiotikaverbrauch in der Landwirtschaft und in der Humanmedizin liegt in den Händen der Gesetzgeber, der Pharmaindustrie und den Ärzten. Doch auch wir Individuen können einiges tun. Wir können das Verschreiben von Antibiotika von unseren behandelnden Ärzten routinemässig hinterfagen: ist eine bakterielle Infektion nachgewiesen oder könnte es sich doch um einen Virus handeln gegen welchen Antibiotika nutzlos sind? Im Falle einer bakteriellen Infektion, gibt es eine Möglichkeit noch einige Tage zuzuwarten und zu schauen ob die Infektion ohne Antibiotika weggeht? Dies ist beispielsweise oft der Fall bei Ohrenentzündungen bei Kindern. Oder könnten wir zuerst ein natürliches Antibiotikum versuchen wie Oreganoöl? Wir können zudem auf den Gebrauch von antibakteriellen Seifen, Gels und Reinigungsmitteln verzichten. Normale Seifen waschen die Bakterien sehr effektiv weg und die Substanzen der antibakteriellen Mittel verhelfen den Bakterien zur Mutation, damit sie resistent werden gegen unsere Antibiotika. Es gibt zudem viele Möglichkeiten, wie wir die nützlichen Bakterien in unserem Körper stärken können, damit sie uns helfen, Erreger abzuwehren und es so gar nicht zu einer bakteriellen Infektion kommt. In unserem Kurs ‚Fermentieren & Probiotika durchleuchten wir dieses Thema und die Kursteilnehmer lernen, wie dies mittels vieler einfachen Lifestyle-Massnahmen erzielt werden kann.

Wir beherbergen Trillionen von Bakterien, Viren und Pilze in und auf unserem Körper. Tag und Nacht. Vorallem in unserem Darm schaut es aus wie in einem grossen Dschungel mit Milliarden von verschiedenen winzigen Lebewesen, wo es auch des öfteren zu Verdrängungskämpfen und gegenseitigen Vergiftungs-Attacken kommt. Der Krieg in uns tobt, Tag und Nacht. Und in den allermeisten Fällen gewinnen den Krieg die nützlichen Bakterien, in Zusammenarbeit mit dem Rest unseres Immunsystems. Unser Körper ist erstaunlich in der Abwehr von Erregern und macht es erst möglich, dass wir ein so sorgenfreies Leben leben dürfen. Seien wir täglich dankbar dafür.